+ Gedanken zum Jahreswechsel

Gedanken zum Jahreswechsel

Was machst du gerade? Facebook stellt mir diese Frage und ich hatte mir gerade ein paar Gedanken zum Jahreswechsel gemacht. Die Stadt Essen will ja den Silvestermüll liegen lassen, was einige Leute mächtig aufregt. Ich denke aber mit dem Müll ist es so ein bischen wie mit unserem Leben.
1950, da wurde ich geboren, da lag noch viel Müll der jüngsten deutschen Geschichte herum und viele waren damit beschäftigt die Reste aufzuräumen. Ich wohnte damals die ersten zwölf Jahre meines Lebens in Essen Schönebeck . Das war wie Dorfleben, nicht wie das heutige Leben in der Großstadt. Weil es kaum Autos gab konnten wir auf der Strasse bolzen, Fußball spielen, im Winter gab es noch jährlich Schnee und wir waren den ganzen Tag an der frischen, aber nicht so sauberen Luft, es gab ja noch überall Zechen. Wir waren abends eigentlich immer „Schmuddelkinder“, aber Allergien kannten wir auch nicht. hinter dem Haus stand ein „Plumpsklo“, das war eine Holzhütte mit Guckloch und einem Sitz aus Holz mit einem Loch. dort hinein wurde dann das “ Geschäft“ verrichtet und das war im Winter schon oft sehr kalt. die Eltern hatten dahinter einen Garten angelegt, nein, keinen Steingarten mit designten Büschen und Hecken. die Hecken trugen Beeren und die Erdbeeren, das Gemüse und Stachelbeeren wurden mit unserem „Mist“ gedüngt. Im Boden befanden sich Würmer, Bienen flogen durch die Luft und auf den Blüten der Pflanzen, Mutter hatte immer gerne Blumen im Garten, schwirrten Schmetterlinge. Der Abfall kam auf einen Komposthaufen. Müll wurde entsorgt.
Unser Taschengeld verdienten wir uns durch “ Kohlescheppen“ beim Nachbarn, oder beim Einkellern von Kartoffeln, bei Manchem konnten wir für den Schneedienst noch was locker machen. Ab und zu kam der „Klüngelskerl“ mit seinem Pferdekarren und für den aufgesammelten Müll gab es dann schon einmal den ein oder anderen Groschen. Also, Bares für Müll, sozusagen. Klar, dadurch daß wir viel, eigentlich immer, unterwegs waren haben wir auch einigen Blödsinn angestellt und Müll produziert. Die Belohnung gab es dann als „häuslichen Segen“ am Abend vom Vater, da brannte dann der „Allerwerteste“, hat aber nicht wirklich geschadet , wir haben unseren Müll dann wieder in Ordnung gebracht und es war soweit erledigt. Ebenso wenig zimperlich gingen die Lehrer in den Sechzigern mit uns um. „Ohrzwicken“, “ Ohrdrehen“ ein kräftiger „Händedruck“ gehörten schon dazu. Rebellisch blieben wir trotzdem. Tariferhöhungen der Bahn versuchten wir durch Sitzblockaden auf den Schienen zu verhindern, bis man uns wegtrug. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg , den Springerverlag, gegen das „Kapital“ prägten die Jugend mit. Der Müll auf der Erde wurde in unseren Augen immer größer. Dann aber kam die Zeit, die ich als die Schönste in Erinnerung habe, die Flowerpowerzeit. Make Love , not war. stell dir vor es gibt Krieg und keiner geht hin. Wir saßen mit Blümchen im Haar vor dem Schauburg Kino in Borbeck, mit Gitarre singend am Bredeneyer Kreuz und hatten uns einfach alle lieb. Wir wollten keinen Müll mehr sehen, wir trugen ihn. Neues war Out, Jeans wurden erst einmal mit Kies gewaschen. Bundeswehr war verpönt, wer konnte verweigerte den Kriegsdienst. Aber es war auch nicht mehr weit bis zum Beginn des Berufslebens und auch wir trugen dann bald das weiße Hemd , den Anzug und Krawatte. Wir wurden mehr und mehr Teil dieser „Gesellschaft, auch wenn wir immer noch alles anders machen wollten als unsere Eltern. So kam die Generation der antiautoritären Erziehung und der Müll wuchs wieder, blieb aber jetzt liegen, weil keiner was damit im Sinn hatte. Der Beruf des Müllmanns wurde immer beliebter. Anfang der neunziger Jahre wurden unsere Kinder von „Nazis“ in den Straßenbahnen verprügelt und wir gingen mit den Schulen und Eltern und Kindern gemeinsam erstmals wieder auf die Straße. Die Müllmänner schaffen den ganzen Unrat nicht alleine. Wir sind heute Rentner , alt und eigentlich wollen wir nicht mehr auf die Straße, hoffen das Jüngere es tun und es wieder Menschen gibt die sich um den Müll kümmern.

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