Geschichten aus der Natur

Ulrich Klös – Onlinemagazin – 🎨 Fotomontage – eigenes Foto kombiniert mit KI-generierten Elementen

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Vogel der Woche 34 – der Kranich

Vogel der Woche 34 - der Kranich

wenn die Trompetenrufe den Herbst ankündigen

Draußen herrschen noch Temperaturen von über 30 Grad. Eigentlich möchte man noch gar nicht an den Herbst denken. Doch die Natur richtet sich nicht nach unserem Kalender und schon gar nicht nach unserem Temperaturempfinden. Unser Vogel der Woche 34 – der Kranich zeigt, wie sehr der Lauf der Natur unabhängig von unseren Wünschen ist.

Bei den Kranichen beginnt bereits die Unruhe. Die ersten Vögel sammeln sich, und an traditionellen Rast- und Schlafplätzen in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen werden die Trupps langsam größer. Es ist der Anfang einer Reise, die jedes Jahr aufs Neue zu den beeindruckendsten Naturschauspielen Europas gehört.

Ein Abend am Dümmer, den man nicht vergisst

Ich hatte einmal die Gelegenheit, den abendlichen Einflug der Kraniche in die Moorgebiete am Dümmer mitzuerleben. Ein hoher Beobachtungsturm bot dafür einen idealen Standort.

Tagsüber verteilen sich die Kraniche auf Felder, Wiesen und abgeerntete Äcker der Umgebung. Dort suchen sie nach Getreidekörnern, Samen, Insekten und anderer Nahrung und legen sich Energiereserven für ihren langen Zug an.

Doch mit der Dämmerung verändert sich das Bild. Zunächst hört man sie. Dieses weit tragende, trompetende „Krrruu-krrruu“. Dann tauchen die ersten Trupps am Himmel auf. Und schließlich kommen immer mehr. Dutzende, Hunderte Kraniche fliegen aus verschiedenen Richtungen heran und suchen gemeinsam ihre Schlafplätze auf.

Schlafen im Wasser – aus gutem Grund

Als Schlafplatz bevorzugen Kraniche flache Gewässer und überschwemmte Bereiche. Dort stehen sie nachts im seichten Wasser. as bietet ihnen einen wichtigen Schutz vor Fuchs und anderen Beutegreifern. Ein sich näherndes Tier verursacht Geräusche und Wasserbewegungen und kann dadurch frühzeitig bemerkt werden.

Auch Familien mit ihren Jungvögeln nutzen solche geschützten Bereiche. Ruhe ist deshalb an diesen Plätzen besonders wichtig.

Beobachten ja – stören nein

Bei meinem Besuch am Dümmer wiesen Schilder ausdrücklich darauf hin, zur Beobachtung die dafür vorgesehenen Türme und Plätze zu benutzen und die Dämme nicht zu betreten.

Leider hielten sich nicht alle Besucher daran. Einige gingen trotzdem dorthin, wo sie den Kranichen deutlich näher kamen.Die Folgen konnte man unmittelbar beobachten. Ankommende Kraniche bemerkten die Menschen, wurden unruhig und flogen teilweise weiter, anstatt den vorgesehenen Schlafplatz anzusteuern.

Vielleicht wollten diese Besucher nur ein besonders schönes Foto oder den Vögeln möglichst nahe sein. Aber gerade bei der Naturfotografie sollte ein Grundsatz gelten:

Kein Foto ist es wert, ein Tier dafür zu stören.

Ein gutes Teleobjektiv, Fernglas oder Spektiv ermöglicht Beobachtungen auch aus respektvoller Entfernung.

Wenn die Kraniche über unsere Köpfe ziehen

Einige Wochen später muss man gar nicht mehr bis zum Dümmer fahren. Dann kommen die Kraniche zu uns. Oder besser gesagt: Sie ziehen über uns hinweg. Und meistens hört man sie, bevor man sie sieht. Irgendwo hoch oben erklingen plötzlich ihre charakteristischen Trompetenrufe.

Automatisch wandert der Blick zum Himmel. Und irgendwann entdeckt man sie: eine lange Reihe von Vögeln in der typischen V- oder Keilformation. Für mich ist das jedes Mal ein faszinierender Augenblick.

Warum fliegen Kraniche im Keil?

Die Formation hat einen handfesten aerodynamischen Vorteil. Ein fliegender Vogel erzeugt an seinen Flügelspitzen Luftwirbel. Der nachfolgende Kranich kann einen Teil des dabei entstehenden Aufwinds nutzen und dadurch Energie sparen. Nur der Vogel an der Spitze hat diesen Vorteil nicht. Deshalb wechseln sich die Tiere innerhalb des Verbandes immer wieder ab.

Auf einer Reise über viele Hundert oder sogar Tausend Kilometer kann diese Energieersparnis entscheidend sein.

Warum kreisen sie plötzlich?

Manchmal löst sich die schöne Formation scheinbar ohne erkennbaren Grund auf. Die Kraniche beginnen zu kreisen. Runde um Runde steigen sie höher. Meist haben sie dann eine Thermikblase gefunden – aufsteigende warme Luft, die ihnen kostenlos Höhe verschafft.

Statt diese Höhe allein mit Muskelkraft zu erfliegen, lassen sie sich vom Aufwind nach oben tragen. Anschließend formiert sich der Trupp neu und gleitet weiter. Was vom Boden wie ein kleines Durcheinander aussieht, ist also häufig eine ausgeklügelte Methode zum Energiesparen.

Die Reise in den Süden

Viele der über Deutschland ziehenden Kraniche nutzen die sogenannte westeuropäische Zugroute. Sie führt über Deutschland und Frankreich in Richtung Spanien. Ein wichtiges Wintergebiet liegt beispielsweise in der spanischen Extremadura.

Nicht alle Kraniche ziehen jedoch gleich weit. In milden Wintern bleiben inzwischen zunehmend Tiere weiter nördlich und überwintern teilweise sogar in Deutschland. Auch beim Kranich verändert der Klimawandel offenbar alte Gewohnheiten.

Kraniche reden miteinander

Während des Zuges herrscht keineswegs Ruhe. Die Vögel rufen immer wieder. Die lauten Trompetenrufe helfen vermutlich dabei, den Kontakt innerhalb des Verbandes zu halten und die Flugbewegungen der Gruppe zu koordinieren.

Der besondere Klang entsteht durch die außergewöhnlich lange Luftröhre des erwachsenen Kranichs. Sie liegt in Schleifen im Brustbein und wirkt dadurch wie ein Resonanzkörper.

Deshalb können wir einen Kranichtrupp oft hören, lange bevor wir ihn am Himmel entdecken.

Vogel der Woche 34 - der Kranich
Kraniche auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst

Ein Paar fürs Leben?

Kraniche gelten traditionell als Symbol für Treue und lebenslange Partnerschaft. Ganz falsch ist das nicht. Hat sich ein Paar gefunden und erfolgreich gebrütet, kann die Verbindung tatsächlich viele Jahre bestehen. Aber die romantische Vorstellung von der ausnahmslos lebenslangen Kranichehe ist etwas zu einfach.

Partner können verloren gehen, und auch Trennungen und Neuverpaarungen kommen vor. Die „Herren der Schöpfung“ sind also auch unter Kranichen nicht grundsätzlich gegen neue Bekanntschaften gefeit.

Entscheidend ist vielmehr die außergewöhnlich starke Paarbindung, die durch gemeinsame Rufe und den berühmten Kranichtanz immer wieder gefestigt wird.

Der berühmte Kranichtanz

Wer Kraniche einmal beim Tanzen beobachtet hat, vergisst diesen Anblick kaum.

Die großen Vögel springen mit ausgebreiteten Flügeln in die Luft, verbeugen sich voreinander, laufen umeinander herum und werfen manchmal Gras oder kleine Pflanzenteile in die Höhe.

Dieser Tanz spielt bei Balz und Paarbindung eine Rolle. Doch nicht nur verliebte Kraniche tanzen.Auch Jungvögel und bereits verpaarte erwachsene Tiere zeigen dieses Verhalten.Vielleicht ist der Tanz deshalb nicht nur Werbung um einen Partner, sondern auch Ausdruck von Erregung und sozialer Kommunikation.

Vogel der Woche 34 - der Kranich

Ein wirklich großer Vogel

Wer einen Kranich nur hoch am Himmel gesehen hat, unterschätzt leicht seine Größe.Ein erwachsener Kranich wird ungefähr 110 bis 130 Zentimeter groß und erreicht eine Flügelspannweite von rund 220 bis 245 Zentimetern.

Damit gehört er zu unseren größten heimischen Vögeln.Sein Gefieder ist überwiegend grau. Auffällig sind der schwarz-weiße Kopf und die rote, unbefiederte Kopfplatte.Im Flug unterscheidet er sich außerdem leicht vom Graureiher:

Der Kranich fliegt mit ausgestrecktem Hals. Der Graureiher zieht seinen Hals dagegen S-förmig ein.

Wenn die Kraniche zurückkommen

So sehr die ziehenden Kraniche im Herbst ein Zeichen für die bevorstehende kalte Jahreszeit sind, so sehr freue ich mich über ihre Rufe in der anderen Richtung.

Denn irgendwann kommen sie zurück. Wieder hört man zuerst das vertraute Trompeten. Dann sucht man den Himmel ab und entdeckt die ersten Formationen auf ihrem Weg nach Norden. Und spätestens dann weiß man:

Der Frühling ist nicht mehr weit.


Steckbrief

Wissenschaftlicher Name: Grus grus

Größe: etwa 110–130 cm

Spannweite: etwa 220–245 cm

Gewicht: ungefähr 4–7 kg

Nahrung: Getreide, Samen und andere Pflanzenteile, außerdem Insekten, Würmer, Schnecken und kleinere Wirbeltiere.

Lebensraum: Moore, Feuchtgebiete, Bruchwälder und Flachwasserbereiche; zur Nahrungssuche auch Wiesen und landwirtschaftliche Flächen.

Besonderheit: Seine kilometerweit hörbaren Trompetenrufe gehören zu den unverwechselbarsten Stimmen unserer Vogelwelt.


🌿 Wissenswert

Kranichküken sind Nestflüchter. Schon kurz nach dem Schlupf verlassen sie mit ihren Eltern das Nest. Die Familie bleibt jedoch eng zusammen. Erst während des folgenden Winters beziehungsweise auf dem Rückzug ins Brutgebiet beginnt sich der Familienverband aufzulösen.


📷 Beobachtungs- und Fototipp

Die großen Rastgebiete bieten fantastische Möglichkeiten zur Kranichbeobachtung – allerdings nur, wenn wir den Vögeln ihren Raum lassen. Deshalb möglichst Beobachtungstürme, ausgewiesene Beobachtungsplätze und öffentliche Wege nutzen.

Wer mit Teleobjektiv oder Spektiv arbeitet, braucht den Kranichen nicht näherzukommen. Gerade vor dem langen Zug ist jede unnötige Flucht Energieverschwendung.

Die beste Naturbeobachtung ist diejenige, bei der sich das Tier durch unsere Anwesenheit nicht anders verhalten muss.


🔎 Kranich oder Graureiher?

Kranich: Hals im Flug gerade ausgestreckt
Graureiher: Hals S-förmig eingezogen

Kranich: weit tragende Trompetenrufe
Graureiher: eher rauer, krächzender Flugruf

Kranich: häufig große ziehende Formationen
Graureiher: normalerweise keine großen V-förmigen Zugverbände


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