Geschichten aus der Natur

Ulrich Klös – Onlinemagazin

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Wenn der Himmel summt – der Hochzeitsflug der fliegenden Ameisen

Hochzeitsflug der fliegenden Ameisen

Hochzeitsflug der fliegenden Ameisen – Manchmal entstehen die spannendsten Naturbeobachtungen nicht durch ein Fernglas oder eine Kamera, sondern durch ein einfaches Telefonat.

„Opa, ich muss dich mal was fragen …“

Als ich den Hörer einschalte, höre ich die aufgeregte Stimme meiner siebenjährigen Enkelin Luisa. Sie verbringt gerade mit ihren Eltern die Ferien auf Föhr.
„Über dem Wasser fliegen tausende Lachmöwen – wie eine Wolke immer hin und her. Was machen die? So sieht man das doch sonst nicht!“

Auch ihre Mutter Daniela bestätigt die ungewöhnliche Beobachtung. Große Schwärme von Lachmöwen kreisen über dem Wattenmeer. Kein normales Verhalten.

Und plötzlich beginnt sie wieder – diese wunderbare Suche nach der Erklärung hinter einem Naturphänomen.

Die Möwenwolke über dem Watt

Zunächst wirkt alles rätselhaft. Lachmöwen sieht man auf den Nordseeinseln zwar häufig, doch meist eher auf Wiesen, Feldern oder an den Prielen. Dass sie in großen Wolken über dem Wasser jagen, ist ungewöhnlich.

Meine erste Vermutung: Insekten.

Denn Lachmöwen sind weit anpassungsfähiger als viele glauben. Sie fressen Würmer, kleine Fische, Krebse und eben auch Insekten. Doch warum sollten plötzlich tausende Möwen gleichzeitig Jagd auf fliegende Beute machen?

Die Lösung fand ich erst nach mehreren Gesprächen und Recherchen.

Es waren Ameisen.

Wenn die Ameisen fliegen

Im Hochsommer geschieht an wenigen Tagen etwas Außergewöhnliches.
Wenn warme, trockene Luft auf nahezu völlige Windstille trifft, beginnt der sogenannte Hochzeitsflug der Ameisen.

Luisa beschreibt die Nordsee an diesem Tag „glatt wie einen Spiegel“. Keine Wellen. Kaum Wind. Genau jene Bedingungen, auf die die Ameisen gewartet haben.

Plötzlich steigen sie zu tausenden auf.

Geschlechtsreife Männchen, Weibchen und zukünftige Königinnen verlassen gleichzeitig ihre Nester und bilden dunkle, summende Wolken am Himmel. Für viele Menschen wirken diese fliegenden Ameisen lästig, wenn sie in Haaren oder auf Kleidung landen. Tatsächlich suchen sie jedoch nur eines: die Paarung.

Und genau darauf haben offenbar auch die Lachmöwen gewartet.

Hochzeitsflug der fliegenden Ameisen
Lachmöwenkolonie auf Baltrum Nationalpark Wattenmeer

Das große Sommerfest der Möwen

Ganz entgegen ihres sonst eher lockeren Verhaltens jagen die Lachmöwen nun in großen Schwärmen durch die Luft. Über dem Wattenmeer beginnt ein wahres Festmahl.

Die Möwen schießen durch die Ameisenwolken, drehen abrupt ab, kreisen erneut und schnappen die fliegenden Insekten direkt aus der Luft. Für kurze Zeit verwandelt sich der Himmel über der Nordsee in ein riesiges Schauspiel aus Bewegung, Stimmen und Jagdflügen.

Ein Naturmoment, den man nur selten bewusst erlebt.

Das kurze Leben der fliegenden Ameisen

Die meisten Ameisen eines Staates sind unfruchtbare Arbeiterinnen oder Wächterinnen. Doch einmal im Jahr schlüpfen einige besondere Tiere: die sogenannten Geschlechtstiere.

Diese zukünftigen Königinnen und Männchen besitzen Flügel und sind deutlich größer als ihre Artgenossen.

Nach dem Hochzeitsflug der fliegenden Ameisen endet das Leben der Männchen meist schnell. Die Weibchen hingegen landen wieder auf dem Boden, verlieren ihre Flügel – oder beißen sie selbst ab – und gründen mit dem gespeicherten Sperma einen neuen Ameisenstaat.

Ein erstaunlicher Kreislauf.

Wenn Kinder die besten Naturbeobachter sind

Vielleicht liegt das Schönste an dieser Geschichte gar nicht bei den Ameisen oder den Möwen.

Sondern darin, dass ein Kind aufmerksam genug war, zu bemerken, dass „etwas anders ist als sonst“.

Naturphänomene beginnen oft genau so:
mit Staunen, mit Fragen – und mit dem genauen Blick auf das, was viele einfach übersehen würden.

Die Erklärung für die riesigen Lachmöwenschwärme über dem Wattenmeer war am Ende gefunden.

Und irgendwo über Föhr kreisten sie wahrscheinlich noch immer im warmen Sommerhimmel.


Infobox: Hochzeitsflug der Ameisen

  • Findet meist an warmen, schwülen Sommertagen statt
  • Besonders häufig bei Windstille nach feuchter Wetterperiode
  • Tausende Ameisen starten gleichzeitig
  • Dient der Paarung und Gründung neuer Ameisenstaaten
  • Lockt viele Vogelarten an – darunter Möwen, Schwalben und Mauersegler

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