Geschichten aus der Natur

Ulrich Klös – Onlinemagazin – 🎨 Fotomontage – eigenes Foto kombiniert mit KI-generierten Elementen

Advertisement

Der Dümmer _ Birding Spot

Vogelparadies zwischen See, Schilf und Ochsenmoor

Manche Landschaften bleiben einem besonders in Erinnerung. Der Dümmer in Niedersachsen gehört für mich dazu. Vielleicht denke ich gerade jetzt, während ich noch einige Tage im Krankenhaus verbringen muss, besonders gerne an solche Ausflüge zurück. An Tage, an denen man morgens die Kamera nahm, vor die Tür trat und eigentlich nicht wusste, welche Beobachtung der Tag bereithalten würde.

Unser Quartier lag damals in Hüde, unmittelbar am Ochsenmoor. Für einen Vogelfotografen kann man sich kaum einen besseren Ausgangspunkt wünschen.

Das Ochsenmoor – gleich vor der Haustür

Südlich des Dümmers erstreckt sich das rund 1.029 Hektar große Naturschutzgebiet Ochsenmoor. Feuchte Wiesen, Weiden, Gräben und zeitweise überstaute Flächen bilden hier eine Landschaft, die besonders für Wiesenvögel von großer Bedeutung ist.

Kiebitz, Uferschnepfe, Bekassine, Rotschenkel und Großer Brachvogel gehören zu den charakteristischen Arten. Während der Zugzeiten kommen zahlreiche weitere Wat- und Wasservögel hinzu. Im Winterhalbjahr nutzen große Gänse- und Ententrupps die Niederung als Rast- und Schlafplatz.

Und irgendwo hier sollte damals auch unser Blaukehlchen sitzen.

Auf der Suche nach dem Blaukehlchen

Es war eines unserer Wunschmotive.

Also machten wir uns von Hüde aus auf die Suche. Das Blaukehlchen ist allerdings ein Vogel, der einem Fotografen durchaus etwas Geduld abverlangen kann.

Eigentlich wussten wir, wonach wir Ausschau halten mussten. Im Frühjahr trägt das Männchen seinen Gesang gerne von einer erhöhten Warte vor – etwa von einem alten Pflanzenstängel oder einer Gebüschspitze. Genau solche Bereiche findet man im Ochsenmoor.

Nur: Unser Blaukehlchen hatte offenbar andere Pläne.

Wir suchten, warteten und beobachteten – aber der kleine Sänger mit der auffälligen blauen Kehle wollte sich uns nicht zeigen.

Dass wir damals kein Glück hatten, bedeutet keineswegs, dass das Blaukehlchen am Dümmer selten geworden wäre. Noch für 2025 weist der Naturschutzring Dümmer 14 Brutreviere beziehungsweise Brutvorkommen im erfassten Gebiet aus.

Vielleicht waren wir einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort.

Die Natur entschädigt fast immer

Wer Vögel beobachtet, kennt das: Man fährt wegen einer bestimmten Art los – und kommt mit ganz anderen Erlebnissen zurück.

So war es auch am Dümmer.

Statt des Blaukehlchens konnten wir eine Rohrweihe beobachten. Über Schilf und Feuchtwiesen gleitend gehört sie für mich zu den beeindruckendsten Erscheinungen einer solchen Landschaft. Mit leicht V-förmig gehaltenen Flügeln sucht sie niedrig über der Vegetation nach Beute.

Der Dümmer ist tatsächlich ein wichtiges Gebiet für diese Art. Bei der Brutvogelerfassung 2025 wurden im Dümmergebiet 18 Vorkommen der Rohrweihe angegeben.

Und dann war da noch ein Grünschenkel.

Für mich sind gerade solche Beobachtungen ein gutes Beispiel dafür, weshalb Birding so spannend ist. Der Grünschenkel gehört am Dümmer zu den regelmäßigen Gastvögeln.

Man sucht das Blaukehlchen – und plötzlich steht ein eleganter Watvogel vor einem.

Kinderstube im Aussichtsturm

Eine meiner schönsten Erinnerungen wartete weiter im Norden des Dümmers.

Dort besuchten wir einen Aussichtsturm. Eigentlich schaut man von solchen Türmen hinaus: auf Wasserflächen, Schilfgürtel und vorbeiziehende Vögel.

Doch dieses Mal spielte sich das Interessanteste unmittelbar am Turm ab.

Junge Rauchschwalben wagten gerade ihre ersten Ausflüge.

Noch etwas unsicher verließen sie ihre vertrauten Plätze, drehten die ersten kleinen Runden und kehrten wieder zurück. Die erwachsenen Rauchschwalben beherrschten den Luftraum längst mit jener Eleganz, die diese Art so faszinierend macht.

Für die Jungvögel dagegen war jeder Flug noch ein kleines Abenteuer.

Solche Augenblicke lassen sich kaum planen. Man kann sich den besten Beobachtungsplatz aussuchen und auf eine bestimmte Vogelart hoffen – und dann schenkt einem die Natur eine völlig andere Geschichte.

Vielleicht sind es gerade diese ungeplanten Beobachtungen, an die man sich Jahre später noch erinnert.

Ein See – viele Lebensräume

Die besondere Bedeutung des Dümmers liegt nicht allein im See. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Lebensräume.

Offenes Wasser, Schilfröhrichte, Feucht- und Nasswiesen, Gräben, Gebüsche und Überschwemmungsflächen liegen dicht beieinander. Dadurch finden sowohl Wasservögel als auch Wiesenvögel, Limikolen, Greifvögel und zahlreiche Singvögel geeignete Lebensräume.

Der Dümmer gehört deshalb zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000, ist EU-Vogelschutzgebiet und Teil eines international bedeutsamen Ramsar-Feuchtgebietes.

Zu den besonderen Brutvögeln gehören neben Blaukehlchen und Rohrweihe beispielsweise Uferschnepfe, Bekassine, Rotschenkel, Großer Brachvogel und Trauerseeschwalbe. Auch Fisch- und Seeadler kommen im Umfeld des Sees vor und nutzen ihn zur Nahrungssuche.

Beeindruckende Zahlen

Wie bedeutend die Dümmerniederung heute noch für die Vogelwelt ist, zeigen die Brutvogelerfassungen des Naturschutzrings.

Für 2025 werden unter anderem 748 Kiebitze, 255 Uferschnepfen, 187 Rotschenkel, 166 Wiesenpieper und 100 Große Brachvögel aufgeführt. Hinzu kommen unter anderem Rohrweihe, Blaukehlchen, Bartmeise, Schilfrohrsänger und Trauerseeschwalbe.

Für Vogelbeobachter ist das eine Artenvielfalt, bei der ein einziger Besuch kaum ausreicht.

Mit Fernglas und Kamera unterwegs

Wer den Dümmer besucht, sollte sich deshalb nicht ausschließlich auf den See konzentrieren.

Gerade das Ochsenmoor südlich des Sees ist für mich ein Muss. Ein eigener Aussichtsturm ermöglicht den Blick über das Naturschutzgebiet und den Dümmer. Besonders Wiesenvögel und große Wildgansschwärme lassen sich von dort beobachten. Rund um den See gibt es weitere Aussichtstürme am Nord-, Süd-, Ost- und Westufer.

Für Fotografen empfiehlt sich ein längeres Teleobjektiv. Viele Flächen dürfen und sollten zum Schutz der Vögel nicht betreten werden. Fernglas oder Spektiv sind deshalb ebenfalls hervorragende Begleiter.

Und vor allem sollte man Zeit mitbringen.

Denn am Dümmer lohnt es sich, nicht nur nach einer bestimmten Art Ausschau zu halten.

Mein persönliches Fazit

Wir kamen wegen des Blaukehlchens – und fanden es nicht.

Trotzdem ist mir der Dümmer bis heute in Erinnerung geblieben.

Die Rohrweihe über dem Feuchtgebiet, der Grünschenkel und schließlich die jungen Rauchschwalben bei ihren ersten Flugversuchen machten aus der vermeintlich erfolglosen Suche einen wunderbaren Birding-Tag.

Vielleicht beschreibt gerade das die Vogelbeobachtung am besten:

Nicht immer findet man den Vogel, den man sucht.
Aber fast immer entdeckt man etwas, nach dem man gar nicht gesucht hat.

Und irgendwann möchte ich noch einmal nach Hüde und ins Ochsenmoor zurückkehren.

Das Blaukehlchen und ich – wir haben schließlich noch eine Rechnung offen.


Birding-Spot kompakt

Gebiet: Dümmer und Ochsenmoor, Niedersachsen
Ausgangspunkt: Hüde / südlicher Dümmer
Landschaft: Flachsee, Röhricht, Feucht- und Nasswiesen, Überschwemmungsflächen
Besonders interessant: Frühjahr und Vogelzug
Mögliche Arten: Blaukehlchen, Rohrweihe, Uferschnepfe, Kiebitz, Bekassine, Rotschenkel, Großer Brachvogel, Trauerseeschwalbe, Bartmeise sowie zahlreiche Enten- und Watvögel
Beobachtung: Mehrere Aussichtstürme und ausgewiesene Beobachtungsrouten
Foto-Tipp: Teleobjektiv, Fernglas und möglichst auch Spektiv mitnehmen – und genügend Zeit einplanen
Meine persönlichen Highlights: Rohrweihe, Grünschenkel und die ersten Flugversuche junger Rauchschwalben
Damals verpasst: Blaukehlchen – ein guter Grund wiederzukommen!

Quellen und weitere Informationen

Naturschutzring Dümmer e.V.: Vögel beobachten im Naturpark Dümmer – ausführlicher Vogelführer mit acht Beobachtungsrouten und Arteninformationen.
Naturschutzring Dümmer e.V.: Informationen zum Naturschutzgebiet Ochsenmoor.
Naturschutzring Dümmer e.V.: Brutvogelerfassung 2025.
Naturpark Dümmer: Informationen zu den Aussichtstürmen und Beobachtungsmöglichkeiten.

Naturschutzring Dümmer – Vogelführer und Beobachtungsrouten

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Social Share Buttons and Icons powered by Ultimatelysocial