Wer in Deutschland einen Reisepass aufschlägt, eine Euromünze betrachtet oder die Nachrichten aus dem Bundestag verfolgt, begegnet ihm fast täglich: dem Adler. Kaum ein anderes Tier ist so eng mit unserem Staat verbunden. Doch warum wurde ausgerechnet ein Greifvogel zum deutschen Wappentier? Und weshalb trägt der Adler auf alten Darstellungen manchmal sogar zwei Köpfe?
Die Geschichte dieses Vogels reicht weit zurück – weiter, als viele vermuten.
Ein König der Lüfte
Schon lange bevor es Deutschland überhaupt gab, galt der Adler als etwas Besonderes. Seine Größe, seine Kraft und seine Fähigkeit, hoch über der Landschaft zu kreisen, beeindruckten die Menschen seit Jahrtausenden.
Für viele Kulturen symbolisierte der Adler:
- Stärke und Mut
- Freiheit und Unabhängigkeit
- Weitblick und Weisheit
- Macht und Herrschaft
Kein Wunder also, dass Herrscher und Könige den majestätischen Greifvogel gerne als Zeichen ihrer Autorität verwendeten.
Die Römer machten den Anfang
Bereits die Legionen des Römischen Reiches führten Adlerstandarten mit sich. Der sogenannte „Aquila“, ein goldener Adler auf einer Stange, galt als heiliges Symbol der römischen Armeen.
Als sich die mittelalterlichen Kaiser Europas später als Nachfolger der römischen Herrscher verstanden, übernahmen sie viele dieser Symbole – darunter auch den Adler.
So tauchte der Reichsadler bereits im frühen Mittelalter als Zeichen des Heiligen Römischen Reiches auf, das große Teile Mitteleuropas umfasste.
Vom Reichsadler zum deutschen Wappen
Die ersten deutschen Kaiser verwendeten einen einköpfigen schwarzen Adler auf goldenem Hintergrund. Über Jahrhunderte wurde dieser Adler zum Symbol des Reiches.
Wer mittelalterliche Burgen besucht oder alte Urkunden betrachtet, entdeckt ihn noch heute auf Fahnen, Siegeln und Wappen.
Der Adler stand dabei nicht für ein einzelnes Land, sondern für die kaiserliche Macht und die Einheit des Reiches.
Warum hatte der Adler plötzlich zwei Köpfe?
Besonders spannend ist die Geschichte des Doppeladlers.
Ab dem 15. Jahrhundert tauchte im Heiligen Römischen Reich zunehmend ein Adler mit zwei Köpfen auf. Die Ursprünge dieses Symbols liegen vermutlich im Byzantinischen Reich, dem Nachfolger des Oströmischen Reiches.
Warum zwei Köpfe?
Darüber streiten Historiker bis heute. Häufig werden folgende Deutungen genannt:
- Herrschaft über Ost und West
- Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht
- Blick in Vergangenheit und Zukunft
Eine offizielle Erklärung hat es allerdings nie gegeben.
Fest steht jedoch: Der Doppeladler sollte die besondere Bedeutung und den Machtanspruch des Kaisers verdeutlichen.
Warum hat der heutige Adler nur noch einen Kopf?
Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806 verschwand der Doppeladler allmählich aus dem deutschen Staatswesen.
Als 1871 das Deutsche Reich gegründet wurde, kehrte man wieder zum einköpfigen Adler zurück.
Auch die Weimarer Republik übernahm später einen Adler mit nur einem Kopf. Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied sich die Bundesrepublik Deutschland ebenfalls für diese Form.
Der heutige Bundesadler soll bewusst sachlicher wirken und weniger an kaiserliche Machtansprüche erinnern.
Die „Fette Henne“ im Bundestag
Besonders bekannt ist der große Adler im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Berlin.
Mit seinen ausladenden Flügeln prägt er seit Jahrzehnten die Fernsehbilder aus dem Parlament. Wegen seiner etwas rundlichen Form erhielt er im politischen Berlin einen scherzhaften Spitznamen:
„Die Fette Henne“.
Der Name ist inoffiziell, hat sich aber bis heute gehalten.
Ein Adler, der keiner sein will
Interessanterweise ähnelt der Bundesadler einem echten Adler nur bedingt.
Als Vogelbeobachter würde man Schwierigkeiten haben, die Art zu bestimmen. Weder ein Seeadler noch ein Steinadler sehen tatsächlich so aus.
Der Grund: Es handelt sich um einen sogenannten heraldischen Adler. Wappenfiguren folgen eigenen künstlerischen Regeln und sollen vor allem Wiedererkennungswert besitzen.
Trotzdem ist die Wahl des Adlers kein Zufall. Auch heute verbinden viele Menschen mit ihm Eigenschaften wie Stärke, Freiheit und Weitblick.
Ein Blick in die Natur
Wer einen echten Adler erleben möchte, muss übrigens nicht nach Berlin reisen.
In Deutschland brütet der Seeadler wieder erfolgreich in vielen Regionen Norddeutschlands. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,40 Metern gehört er zu den beeindruckendsten Vögeln Europas.
Vielleicht ist es genau diese majestätische Erscheinung, die Menschen schon vor über zweitausend Jahren faszinierte – und die dazu führte, dass aus einem Greifvogel eines der bekanntesten Staatssymbole Europas wurde.

Wussten Sie schon?
Der deutsche Bundesadler blickt im Wappen nach rechts. In der Heraldik gilt diese Richtung traditionell als die ehrenvollere Blickrichtung. Ein Zufall ist also auch das nicht.








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